Ausgestopfter Biber
Amper,  Exkursion

Die Spuren des Bibers am Kalterbach

Der Biber fühlt sich wohl im Amperland. Im 19. Jahrhundert war das größte heimische Nagetier fast ausgerottet. Heute leben wieder etwa 500 Exemplare im Landkreis. Seine Burgen baut er an der Amper und an Bächen wie dem Kalterbach bei Hebertshausen. Wenn man ihn sein eigenes Ding machen lässt, betätigt er sich als genialer Landschaftsarchitekt.

Der Biber als Landschaftsarchitekt war auch der Titel einer Führung im Rahmen der „Langen Woche der Artenvielfalt“ des Dachauer Forums. Biberberaterin und Waldpädagogin Barbara Karcher führte neun Naturbegeisterte auf einer einstündigen Tour durch das Revier des Nagers an Kalterbach und Amper.

Biberschädel und -fell.

Am Treffpunkt an der Umweltbildungsstätte Kaltmühle bei Hebertshausen empfing ein ausgestopfter Biber die Teilnehmer (er hatte zu Lebzeiten in Bergkirchen so viel Ärger gemacht, dass er abgeschossen werden musste), und ein Biberschädel. Letzterer sah schon auf den ersten Blick exotischer aus als unser Fundstück neulich.

Vor dem Spaziergang rund um die Kaltmühle gab Frau Karcher einen Crashkurs „Biberwissen“. Angefangen mit den extrem harten Schneidezähnen, die zwecks weiterer Verhärtung Eisen einlagern, bis zum auffälligen Schwanz, der „Kelle“. Diese dient nicht nur als Ruder, der Biber warnt damit seine Familie auch vor Gefahren, und zwar durch lautes Platschen auf’s Wasser. Schon ein seltsames Tier. Jedoch ganz klar ein Säugetier und definitiv kein Fisch, auch wenn in früheren Zeiten der Genuss von Biberfleisch in der eigentlich fleischlosen Fastenzeit geduldet war.

Das Bibergeil, Vorläufer der Aspirintablette.

Der Biber selbst ist Vegetarier. Sehr gerne frisst er beispielsweise Weiden. Weiden wiederum produzieren Salicylsäure, ein Stoff, der Kopfschmerzen lindert – bekannt aus der Aspirintablette. Im Bibergeil (einem Sekret, das der Biber zur Fellpflege nutzt) reichert sich die Salicylsäure an. Bis ins 19.Jahrhundert war Bibergeil-Öl ein gefragtes Arzneimittel. Noch ein Grund, wieso dem Biber so sehr nachgestellt wurde.

Heute gibt es Biber an quasi jedem Bach in unserem Landkreis, an der Amper sowieso. Aber dass man zufällig einem dieser dämmerungs- und nachtaktiven Nager begegnet, dazu braucht es schon etwas Glück. Und in der Regel bleiben sie auch in der Nähe ihrer Burg. Barbara Karcher erzählt auf der Wanderung allerdings von einem Biber, der sich einmal in die Prälat-Pfanzelt-Straße verirrt hatte – Polizei und Biberbeauftragte rückten spät nachts aus und brachten das geschwächte Tier zurück zur Amper.

Bei der Führung um die Kaltmühle hat sich allerdings kein Biber blicken lassen. Es wäre auch ein wenig zu früh am Abend gewesen. Aber sein Werk als Landschaftsgestalter ist unübersehbar. Der reichlich gefallene Regen hat zwar dafür gesorgt, dass Grünzeug die Sicht auf einige Bauwerke des tierischen Landschaftsarchitekten versperrt. Trotzdem fanden wir schon nach wenigen Schritten am Kalterbach die ersten Spuren: Ein- und Ausstiege, entrindete Bäume.

Holzarbeiter mit gemütlichem Zuhause

Die Schwerarbeit des Bibers hat paradoxerweise mit seinem behaglichen Wesen zu tun. Die Biberfamilie hat’s gern lauschig in ihrer Burg, etwa 20° C, egal ob im Sommer oder im Winter. Besonders wichtig: Der Eingang der Höhle muss immer unter Wasser liegen. Dafür ist dem Biber kein Aufwand zu groß. Wenn es sein muss, baut er eben Dämme, um das Wasser auf die richtige Höhe zu stauen.

Wo Biber heimisch werden, ändert sich deshalb die Landschaft, wie auch am Kalterbach deutlich zu sehen ist: Bäume, die mit den Füßen im angestauten Wasser stehen, sterben ab. Schnell fließende, schnurgerade Flüsse und Bäche verwildern und bekommen ruhige Altwasserame. Ideale Kinderstuben für Fische, Amphibien und Insekten. Auch Eisvögel und Gänsesäger fühlen sich dort wohl.

Altwasser an der Amper
Dschungel an der Amper, geschaffen vom Biber

Im Landkreis Dachau, wo Natur- und Kulturraum eng aneinandergrenzen, macht der Biber natürlich auch ein paar Probleme. Wenn direkt neben der Biberburg ein Mais- oder Getreidefeld ist, lässt er sich nicht lange bitten. Auch seine „Autobahnen“ am Kalterbach führen manchmal quer durch Getreidefelder, und verräterische Spuren ziehen sich von den Feldern in Richtung Biberbau. Solche Probleme kann man aber lösen, genau dafür gibt es Biberbeauftragte wie Frau Karcher. Bauern können ihre Schäden melden, und wenn es wirklich der Biber war, werden die Landwirte entschädigt.

Noch besser ist oft eine andere Lösung: Der Mensch zieht sich von ufernahen Flächen zurück und lässt den Biber gewinnen. So hat man z.B. auf Initiative des „Vereins Dachauer Moos“ am Kalterbach Flächen umgestaltet, die nun Blühwiesen statt Maisacker sein dürfen.

Der Biber baut die landschaft um
Irgendwo im Schilf muss er sein.

Der beste Schutz gegen Hochwasser: entsiegelte, naturnahe Auen

Landschaftsarchitekt Biber“ – der Titel der Führung bekam ungeahnte Aktualität durch die Flutkatastrophe im Westen der Republik. Hochwasser und Biberdämme, das ist ein vielschichtiges Thema. Einerseits kann der Biber Probleme machen, wenn er das Wasser an Stellen staut, an denen es bei Hochwasser zu gefährlichen Überflutungen kommen kann, mitten in der Stadt etwa. Oder wenn er anfängt, vom Menschen gebaute Schutzdämme zu durchwühlen. Dann muss man eventuell auch mal einen Biber vergrämen oder abschießen (wozu immer ein Ausnahmegenehmigung nötig ist; der Biber genießt den gleichen Schutzstatus wie der Wolf, wie Karcher betonte).

Andererseits ist es gerade auf und ab in den Nachrichten zu hören: Der beste Schutz gegen Hochwasserschäden sind entsiegelte, naturnahe Auen entlang der Flüsse und Bäche, die bei Bedarf die Fluten aufnehmen können.

Und wer ist der Experte, um solche offenen Landschaften zu gestalten? Wer fällt Bäume an den Ufern, nimmt Fließgeschwindigkeit aus Bächen, schafft Altwasserarme, und sorgt für natürliche, artenreiche, Wasser zurückhaltende Uferbereiche?

Genau.

Interessante Links:

Programm der „Langen Woche der Artenvielfalt“ des Dachauer Forums

Renaturierung am Kalterbach durch den Verein Dachauer Moos (Bericht der Dachauer Nachrichten)

Seite der Biberbeauftragten des Landratsamts Dachau

„Wildtiermanagement Biber“ (Seite des bay. Umweltministeriums)

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